20 Jahre Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - die Opfer mahnen
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Energie und Umwelt | 2006-04-06 11:03:09

20 Jahre Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - die Opfer mahnen

20 Jahre Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - die Opfer mahnen


20 Jahre Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - die Opfer mahnen

05. April 2006 - Anlaesslich der oeffentlichen Sitzung und Ausstellung '20 Jahre Tschernobyl' des Ausschusses fuer Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit erklaert der Sprecher der Arbeitsgruppe Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der SPD-Bundestagsfraktion, Marco Buelow:

Die Arbeitsgruppe Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der SPD-Bundestagsfraktion hat nachfolgende Resolution beschlossen:

'In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 ereignete sich im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine eine unkontrollierte Kettenreaktion, die zur Zerstoerung des Reaktorblocks 4 und zur weitraeumigen Freisetzung von Radioaktivitaet fuehrte. Ursachen dieser Katastrophe waren neben technischen Maengeln des Reaktortyps auch menschliches Versagen.

Neben der Havarie im amerikanischen Atomkraftwerk 'Three Mile Island' nahe Harrisburg/USA am 28. Maerz 1979 gilt die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl heute als schwerster ziviler Unfall bei der Erzeugung von elektrischer Energie durch Atomkraft.

In den ersten zehn Tagen nach der Explosion kam es zur massiven Freisetzung von radioaktivem Material (Iod-131 und Caesium-137) in die Umwelt. Besonders betroffen waren Gebiete in Belarus, Russland und der Ukraine. Eine radioaktive Wolke verteilte die Substanzen aber auch ueber weite Teile Westeuropas.

Insgesamt wurden in ganz Europa Flaechen von mehr als 200.000 Quadratkilometer kontaminiert. Auch weite Teile Sued- und Ostdeutschlands waren betroffen. Die Angst vor den Folgeschaeden der Strahlenexposition fuehrte zu einer starken Verunsicherung in der Bevoelkerung. Laut Strahlenschutzkommission hat die durchschnittliche Strahlenbelastung auch im ersten Jahr nach der Reaktorkatastrophe den zulaessigen Grenzwert in Deutschland nicht ueberschritten und nimmt seitdem kontinuierlich ab. Dennoch finden sich in Lebensmitteln aus Waldgebieten in den besonders belasteten Gebieten Sueddeutschlands auch heute noch stark erhoehte Caesium-137-Werte.

116.000 Menschen wurden unmittelbar nach der Katastrophe aus einer 30-Kilometer-Zone rund um den Ungluecksreaktor evakuiert. In den folgenden Jahren mussten weitere 230.000 Einwohner umgesiedelt werden. Zwischen 200.000 und 800.000 Menschen wurden als so genannte Liquidatoren beim Bau einer Beton- und Stahlummantelung - dem so genannten Sarkophag - zur Abschirmung des Ungluecksreaktors und zu Aufraeumarbeiten eingesetzt.

Die Zahl der Opfer bleibt umstritten. Dies liegt in erster Linie daran, dass es sich bei Gesundheitsbeeintraechtigungen durch radioaktive Strahlung um Langzeitschaedigungen handelt. Ein kausaler Zusammenhang zum Reaktorunglueck ist daher in vielen Einzelfaellen nicht zweifelsfrei nachweisbar und damit offen fuer interessengeleitete Auslegungen. Dieser Zustand wird noch dadurch beguenstigt, dass durch die Informationspolitik der damaligen sowjetischen Behoerden und den spaeteren Zerfall der Sowjetunion nur unzureichende und widerspruechliche Informationen ueber das Ausmass der Katastrophe und die Zahl der betroffenen Menschen vorliegen.

Im September 2005 wurde von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und sechs VN-Unterorganisationen der Bericht 'Tschernobyls Vermaechtnis: Die gesundheitlichen, oekologischen und soziooekonomischen Folgen' vorgelegt. Der Bericht kommt zu der Einschaetzung, dass bis zu 4.000 Menschen aus Belarus, der Ukraine und Russland an den Spaetfolgen der Reaktorkatastrophe sterben werden. Bei 4.000 Kindern kam es bislang zum Ausbruch von Schilddruesenkrebs.

Umweltorganisationen, unabhaengige Tschernobylexperten und Tschernobyl-Hilfsorganisationen gehen bei ihren Schaetzungen von weit hoeheren Opferzahlen aus. Sie kritisieren den VN-Bericht als Verharmlosung.

Die wirtschaftlichen Folgekosten der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl belaufen sich nach dem Tschernobyl-Bericht vom September 2005 auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar. Besonders schwer wiegen jedoch die sozialen und psychologischen Folgen der Katastrophe, die auch 20 Jahre danach die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den betroffenen Staaten beeintraechtigen.

Infolge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurden auf nationaler und internationaler Ebene umfangreiche Massnahmen zum Schutz der Bevoelkerung vor radioaktiver Strahlung und zur Erhoehung der Sicherheitsstandards in den bestehenden Atomkraftwerken beschlossen.

Seit den 1990er Jahren sind intensive Anstrengungen unternommen worden, die Reaktorsicherheit in den Staaten des ehemaligen Ostblocks zu erhoehen. Mit Unterstuetzung der internationalen Staatengemeinschaft ist es gelungen, die Ukraine zur Abschaltung aller Bloecke des Atomkraftwerkes von Tschernobyl zu bewegen. Der letzte Reaktorblock ging im Dezember 2000 vom Netz. Im Rahmen der Verhandlungen der EU mit den neuen Mitgliedslaendern in Osteuropa ist vereinbart worden, acht Atomreaktoren bis 2009 stillzulegen. Dennoch sind in mehreren Staaten des ehemaligen Ostblocks immer noch Reaktoren vom Typ des Ungluecksreaktors in Betrieb. Sie stellen auch mit verbesserter Sicherheitstechnik ein erhebliches Gefaehrdungspotenzial fuer Mensch und Umwelt dar.

Ein gravierendes Problem ist weiterhin die Sanierung des baufaelligen Sarkophags um den havarierten Reaktorblock von Tschernobyl. Im Rahmen des internationalen 'Shelter Implementation Plan' ist vorgesehen, einen neuen, haltbaren Sarkophag zu errichten, um die Umwelt dauerhaft vor der Radioaktivitaet zu schuetzen. Im Innern des Sarkophags befinden sich immer noch 150 bis 180 Tonnen Reaktorkernmasse, die im Zustand von 1986 konserviert wurde. Die Kosten fuer die Sanierung der Reaktorruine werden sich auf mehr als eine Milliarde US-Dollar belaufen, von denen die Bundesrepublik Deutschland rund 127 Millionen Euro traegt.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat weltweit eine intensive Diskussion ueber die Nutzung der Atomenergie, ueber die Beherrschbarkeit von Grosstechnologien und die Grundlagen einer nachhaltigen Energieversorgung ausgeloest. Mit Ausnahme von Finnland und Frankreich wurde seit 1986 von keinem europaeischen Land der Neubau eines Atomkraftwerkes geplant oder begonnen. Belgien und Schweden haben den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland ist mit der Novelle des Atomgesetzes 2001 im Konsens mit der Energiewirtschaft der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen worden. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, die geltende Rechtslage zum Atomausstieg nicht zu veraendern.

Die Arbeitsgruppe Umwelt der SPD-Bundestagsfraktion:

- bekennt sich ausdruecklich zur Koalitionsvereinbarung zum Atomausstieg.- spricht allen Opfern, die auch 20 Jahre nach der Katastrophe noch immer unter den Folgen leiden, ihr Mitgefuehl aus.- bekraeftigt ihre Auffassung, dass alles getan werden muss, damit sich eine Katastrophe wie in Tschernobyl nicht wiederholt.- wuerdigt ausdruecklich das buergerschaftliche Engagement von zahllosen nichtstaatlichen Organisationen und Initiativen in Deutschland und anderen Laender fuer die Opfer der Katastrophe von Tschernobyl. Bundesweit existieren heute rund 900 Initiativen auf zivilgesellschaftlicher Basis, die jaehrlich bis zu 20.000 Kinder aus Belarus und der Ukraine zu Erholungsurlauben nach Deutschland holen.

Die AG Umwelt der SPD-Bundestagsfraktion fordert:

1. die Menschen in den betroffenen Staaten auch weiterhin bei der Bewaeltigung der oekologischen, medizinischen, oekonomischen und sozialen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu unterstuetzen.2. in Zusammenarbeit mit der ukrainischen Regierung darauf hinzuwirken, dass die Gefahren, die noch immer von der Reaktorruine ausgehen, moeglichst rasch beseitigt werden. Dabei muss der Schutz der eingesetzten Arbeitskraefte vor radioaktiver Strahlung gewaehrleistet werden.3. sich auf internationaler Ebene um die sichere Endlagerung des radioaktiven Materials aus dem Ungluecksreaktor von Tschernobyl zu bemuehen.4. sich auf nationaler und internationaler Ebene dafuer einzusetzen, dass Atomkraftwerke ueberall auf der Welt den hoechsten Sicherheitsstandards genuegen.5. die zivilgesellschaftlichen Organisationen der Tschernobyl-Hilfe in Deutschland bei ihrer Arbeit fuer die Opfer auch in Zukunft zu unterstuetzen.6. die Energieforschung mit dem Ziel zu intensivieren, Innovation und technologische Entwicklung im Energiesektor voranzutreiben, den Anteil der Erneuerbaren Energien auszubauen, moderne Energietechnologien schneller auf den Markt zu bringen, Energiesparpotenziale auszuschoepfen, die Energieeffizienz zu steigern, die Wettbewerbsfaehigkeit unserer Wirtschaft zu staerken und Beitraege zum Klimaschutz zu leisten.'

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